„A gutn tog, vos makhst?“
Am 27. Jänner 1945 befreite die sowjetische Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dieses Datum steht seither symbolisch für das Ende des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen „Endlösung“. Jedes Jahr wird an diesem Tag weltweit der Internationale Holocaust-Gedenktag begangen, um der Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu gedenken. Der nationalsozialistische Rassenwahn kostete rund 13,4 Millionen Menschen das Leben – darunter Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Zivilistinnen und Zivilisten, Hungertote, Kriegsgefangene, Euthanasieopfer sowie Roma und Sinti. Die größte Opfergruppe bildeten mit etwa sechs Millionen Ermordeten die Jüdinnen und Juden.
Wie konnte es dazu kommen – und wer galt im nationalsozialistischen Weltbild überhaupt als „Jude“? Die Schülerinnen und Schüler der 2ABHLW haben sich im Rahmen einer Projektwoche im Deutschunterricht diesem Thema auf besondere Weise angenähert. „Mir war wichtig, dass die Jugendlichen nicht einfach übernehmen, was ihnen erzählt wird, sondern genau hinschauen, nachfragen und sich sowohl sachlich als auch emotional auf das Thema einlassen“, betont Deutschprofessorin Nina Schemmerl. Jüdisches Leben sei immer Teil der europäischen Kultur gewesen – und sei es bis heute. „Antijudaismus und Antisemitismus haben tiefe historische Wurzeln, die im NS-Regime einen grausamen Höhepunkt fanden. Das Ziel war die vollständige Auslöschung jüdischen Lebens. Die Opfer waren keine Fremden – sie lebten mitten unter den Österreicherinnen und Österreichern, mitten unter den Steirerinnen und Steirern.“ Die Projektwoche solle zudem einen Bogen in die Gegenwart schlagen: „Nur wer Mechanismen von Hass, Diffamierung und Propaganda erkennt, kann ihnen heute wirksam entgegentreten.“
Zeitung, Medien und Literatur – drei Zugänge, ein Ziel
Zum Auftakt analysierten die Schülerinnen und Schüler Zeitungsberichte zum Holocaust und zur Erinnerungskultur in der Steiermark. Die Themen reichten von der Zerstörung der Grazer Synagoge und der Reichspogromnacht über die KZ-Außenlager von Mauthausen in der Region bis hin zu Stolpersteinen, dem Todesmarsch am Präbichl und einzelnen Lebensgeschichten. Die Auseinandersetzung zeigte, wie nah die historischen Ereignisse auch räumlich liegen.
Im Themenblock Medien stand die Funktionsweise von Propaganda im Mittelpunkt. Die Jugendlichen untersuchten historische und aktuelle Beispiele – etwa Plakate, Zeichnungen oder digitale Kampagnen – und analysierten, wie sich rassistische Stereotype und Verschwörungserzählungen unbemerkt in den Alltag einschleichen. Gleichzeitig lernten sie, wie man solche Mechanismen erkennt und kritisch hinterfragt.
Ein sprachwissenschaftlicher Zugang wiederum zeigte, wie stark das Deutsche bis heute von hebräischen und jiddischen Einflüssen geprägt ist. Begriffe wie „Kaff“, „zocken“, „Ganove“, „Schlamassel“ oder „schmusen“ sind längst Teil des alltäglichen Sprachgebrauchs. Die Schülerinnen und Schüler erforschten die Herkunft dieser Wörter, ihre ursprüngliche Bedeutung und ihren heutigen Gebrauch. Auch einfache jiddische Wendungen wie „A gutn tog, vos makhst?“ – „Hallo, wie geht es dir?“ – machten deutlich, wie lebendig diese Sprache geblieben ist.
Den Abschluss bildete ein literarischer Zugang: Die Klasse beschäftigte sich mit Werken deutsch-jüdischer Autorinnen und Autoren, deren Texte jüdisches Leben vor, während und nach dem Holocaust widerspiegeln. Gedichte von Hilde Domin, Nelly Sachs und Heinrich Heine sowie ein Auszug aus Imre Kertész’ „Roman eines Schicksallosen“ verdeutlichten, wie prägend diese Literatur bis heute ist – und wie wichtig sie für eine lebendige Erinnerungskultur bleibt.










